Interview mit Dr. Oliver Bohl

Dr. Oliver Bohl ist Vorsitzender der Fokusgruppe Digital Commerce beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V.

Am Dienstagnachmittag, 18. September, dreht sich im iba.SPEAKERS CORNER in Halle A1 alles um Digitales Marketing. Dr. Oliver Bohl, Vorsitzender der Fokusgruppe Digital Commerce, Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V., moderiert die Diskussionsrunde und verrät im Interview vorab, wie es bei Bäckern und Konditoren um das Thema Digitalisierung bestellt ist.

"Ein 'Weiter so' ist schwierig"

iba: Herr Dr. Bohl, auf der iba moderieren Sie auf der iba.SPEAKERS CORNER eine Diskussionsrunde zum Thema Digitales Marketing. Wie fit sind Ihrer Meinung nach die Bäcker und Konditoren in diesem Bereich?

Dr. Oliver Bohl: Hier gibt es, so wie in allen Branchen, Highlights und Nachzügler: Es existieren Bäcker und Konditoren, die ihre Arbeit in vielen Dimensionen digitalisiert haben und dabei über das Marketing deutlich hinausgehen.

Ebenso gibt es aber auch Unternehmer, die nicht einmal die grundlegenden Möglichkeiten des digitalen Marketings nutzen, wie beispielsweise eine einfache Website anzubieten. Da die Bäcker- und Konditorbranche insgesamt jedoch eher klein und mittelständisch geprägt ist, existieren gemäß unserer Studie "Digital Readiness" doch einige Bedenken, ob die kleinen den mittleren und die mittelgroßen den großen Unternehmen folgen können.

Hieran gilt es zu arbeiten: Durch Edukation, Vernetzung und Wissenstransfer. In der Studie haben wir den digitalen Reifegrad der Unternehmen unterschieden in "Ruhe- Phase", "Starter-Phase", "Pilot-Phase", "Digitalisierungsphase" und "100 Prozent digitalisiert". Wer erste Projekte testet ist in der Starter-Phase. Pilot- Phase bedeutet, dass die Führungsebene bereits Digital-Strategien erarbeitet.

iba: Die Studie zu Online-Lebensmitteleinkauf des BVDW im Januar 2018 hat ergeben: Wer nicht online und offline seine Produkte verkauft, wird vom Markt verschwinden. Viele Bäcker und Konditoren haben bereits einen Onlineshop. Reicht das zum Überleben?

Dr. Oliver Bohl: Hierbei geht es nicht zwingend um den Verkauf. Zunächst einmal wird heute eine Mehrzahl der Käufe digital vorbereitet - Nutzer recherchieren nach den Produkten und entscheiden dann, ob sie einen Anbieter vor Ort oder einen Versandhändler wählen. Wenn Anbieter vor Ort jedoch schon hier keine Präsenz zeigen, dann finden sie aus Sicht des Kunden nicht statt. Und das kann dann das Überleben gefährden. Bäcker/Konditoren sind in einer Art Zwickmühle: Täglich müssen sie eine Vielzahl von bürokratischen Hürden überspringen, von der Kennzeichnungspflicht über die Dokumentationspflicht zum Mindestlohn bis hin zur DSGVO. Für die Großen ist das machbar, für die mittelständischen Betriebe aber eine Herausforderung.

iba: Wie können sie trotz dieser Voraussetzung beim Thema Digitales Marketing mithalten?

Dr. Oliver Bohl: In der Tat ist dies ein Spannungsfeld. Aber gerade im Digitalen gilt: Einfach mal machen! Das bedeutet einfach zu starten und dabei im besten Fall auch Effizienzen zu heben. Ganz ohne wird es nicht gehen, aber die Ansätze lassen auch ein kleinteiliges Ausprobieren, gegebenenfalls auch mit externer Unterstützung, und erst verzögertes Skalieren zu. Die iba organisiert am Sonntag, 16. September, erstmalig den Bloggertag "Blog'n'Roll". Es wird unter anderem eine Podiumsdiskussion geben, auf der Bäcker über ihre Erfahrungen mit Influencern berichten.

iba: Reichen Kanäle wie Instagram, Facebook oder Blogs aus, um Bäckern/Konditoren eine Zukunft in der digitalen Welt zu sichern?

Dr. Oliver Bohl: Dies ist eine Facette der Digitalisierung, die primär die Wahrnehmung, das Marketing und den Vertrieb umfasst. Jedoch ebnen Erfahrungen in diesen Bereichen eben häufig auch den Weg hin in komplexere Digitalisierungsbestrebungen, beispielsweise im Bereich der Prozessoptimierung. Influencer Marketing sollten Unternehmen nicht zu Beginn ihrer Digitalisierung nutzen, man wirkt sonst schnell unglaubwürdig. Zuerst sollten andere Grundlagen geschaffen werden, bevor man sich mit Influencer Marketing befasst.

iba: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe, weshalb sich die Backbranche derzeit noch schwerer tut, sich mit der Digitalisierung anzufreunden als andere Branchen?

Dr. Oliver Bohl: Online-Handel hat mittlerweile auch im Lebensmittelhandel eine relevante Größe erreicht, damit ist er auch für Bäckereien relevant. Backhandwerk hat natürlich viel mit Frische zu tun. Die Lieferung von Lebensmitteln betrifft aber oft noch solche, die länger haltbar sind. Dennoch gibt es schon Beispiele von Bäckereien und Konditoreien, die mit lokalen Lieferungen erfolgreich sind, und hierbei immer mehr durch Bestellungen im Web. Es gilt, sich im Spannungsfeld der standardisierten, automatisierten Leistungen durch größere Mitbewerber positiv im Kundenbewusstsein abzuheben und dabei auch effizient zu wirken.

iba: Kommen wir zum Thema digitale Transformation im Arbeitsalltag. Ein Thema, das auch bei Bäckern/Konditoren für Fragezeichen und Verunsicherung sorgt. Schafft Digitalisierung Arbeitsplätze in der Backbranche oder schafft sie diese ab?

Dr. Oliver Bohl: Ein klares Jein. Ich glaube, die vorherigen Ausführungen haben es bereits verdeutlicht: Exzellenz wird belohnt, Fokussierung auch. Ein "Weiter so" ist jedoch schwierig - für Bäcker ebenso wie für jede Branche.

iba: Wie sieht aus Ihrer Sicht die Arbeit des Handwerks im Jahr 2025 aus?

Dr. Oliver Bohl: Ich hoffe zunächst einmal herausfordernd! Und das in allen Belangen, weil dies den Reiz von Arbeit der Zukunft ausmacht. Die menschliche Komponente kann und muss den automatisierten Prozessen noch immer das Besondere geben. Arbeitsprozesse werden sicherlich weiter durch digitale Dienste erleichtert. Daraus folgen dann auch wieder erhöhte Ansprüche durch die Kunden. Im Handwerk gilt dann wie in allen Branchen: Wer gewinnen will, muss sich vom Wettbewerb abgrenzen, digitale Unterstützung nutzen und mit zusätzlichen persönlichen Angeboten punkten.

iba: Ist Fachkräftemangel im Handwerk ein Bremsblock auf den Weg zur Digitalisierung?

Dr. Oliver Bohl: Ja, Fachkräftemangel ist sicherlich ein Bremsblock für den Fortschritt. Das Handwerk muss verdeutlichen, dass sich die Arbeit verändert hat. Einerseits sind es gerade handwerkliche Arbeiten, die auch im Rahmen der Digitalisierung eine große Zukunft haben - viele Aktivitäten lassen sich nicht ohne Weiteres digitalisieren, anders als dies beispielsweise bei vielen standardisierten Bürojobs der Fall ist. Andererseits wandelt sich die Arbeit selbst zusehends: Der Handwerker von heute muss neben der Exzellenz am Werkstück eben auch den sich verändernden Kontext berücksichtigen und beherrschen.

iba: Was muss das Handwerk unternehmen, damit es auch bei jungen Leuten attraktiv bleibt?

Dr. Oliver Bohl: Handwerk per se hat eine gewisse Attraktivität, keine Frage. Gerade im Vergleich zu eher virtualisierbaren Leistungen. Ich persönlich glaube fest daran, dass Leistungen existieren, die nur durch den agierenden Menschen getätigt werden können. Jedoch muss das Handwerk eben auch den Mix aus digitalen Leistungen und konventionellem Tun verdeutlichen. Es muss also "up to date" erscheinen. Die Digitalisierung ist hier vielleicht ein Schritt zur Lösung. Wenn die Unternehmen jetzt damit beginnen, sich digital weiterzuentwickeln, werden sie auch attraktiver für die Digital Natives. Dadurch wird dann auch dem Fachkräftemangel entgegen gewirkt.

Moderator im iba.SPEAKERS CORNER

  • Thema: "Modernes Digitales Marketing"
  • 18.09.2018
  • ab 16.00 Uhr
  • iba.SPEAKERS CORNER
  • Halle A1.170
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